Nike van Dinther

Frei davon sein, für Geld Scheiße zu machen – ein Porträt

Nike van Dinther ist eine der erfolgreichsten Modebloggerinnen Deutschlands. Ihr wichtigstes Barometer für Entscheidungen ist das Bauchgefühl.

Die Inschrift für ihren Grabstein kennt sie schon. Wenn es nach ihr ginge, sollte auf diesem einmal stehen, Nike van Dinther war eine, mit der man immer Spaß hatte. Und Spaß will die 28-Jährige in allen Bereichen ihres Lebens, mit Freunden, ihrem Lebensgefährten, ihrem Sohn – und im Job. „Ich will ausprobieren und scheitern dürfen“, sagt sie. Deswegen hat Nike van Dinther ihr eigenes Unternehmen gegründet – zu einem Zeitpunkt, wo andere noch nicht mal an die erste Bewerbung denken.

Heute ist die junge Frau eine der erfolgreichsten deutschen Modeblogger. Gemeinsam mit ihrer Freundin aus Grundschulzeiten Sarah Gottschalk gründete sie vor sechs Jahren das Blog „This is Jane Wayne“, das heute monatlich 500.000 Klicks verzeichnet. Das Erfolgsrezept besteht aus einer klugen Mischung aus Fashion und aktuellen, gesellschaftsrelevanten Themen, die in sehr persönlichem Ton kommentiert werden. Wenn die Janes Debatten über  Feminismus oder Body Shaming aufgreifen, erhalten sie beinahe genauso so viele Likes wie ein Bericht über die neueste Chanel-Collection. Bei den Modeschauen in Berlin sitzt Nike van Dinther mittlerweile bei allen großen Namen in der ersten Reihe.

Auch in einer Toplage – im angesagten Teil von Berlin-Kreuzberg gelegen – befindet sich das Büro von Nike van Dinther. Dort hängt eine Topfpflanze von der Decke. Kopfüber. Unter dieser steht ein langer Tisch, an dessen einem Ende die zierliche Endzwanzigerin hinter ihrem großen Monitor beinahe verschwindet. Sie trägt schwarze Chucks, einen Jeansrock, ein zu großes, weißes Herrenhemd. Die braunen, langen Haare sind zum nachlässigem Dutt verknotet. Ihren Stil beschreibt die Endzwanzigerin als „frei, eklektisch-gemütlich und zuweilen etwas seltsam“. In sozialen Medien sieht man oft Bilder von ihr, die sie in ungewöhnlichen Kombinationen und auffälligen Outfits zeigen. Das Herrenhemd wird auch schon mal zum Rock umfunktioniert oder die Jeans mit Rüschen zum selbstgemachten Halsschmuck getragen. Das I-Tüpfelchen ihrer Outfits ist häufig eines ihrer unzähligen Paar flippiger Schuhe. „Nike ist jemand, der immer am Suchen und Ausprobieren ist“, beschreibt Sarah Gottschalk ihre langjährige Freundin.

Die Freude am Experimentieren ist 2007 auch ausschlaggebend für Nike van Dinthers Entscheidung Modejournalismus zu studieren. In der Kleinstadt Korschenbroich am Niederrhein nahe Neuss aufgewachsen, geht sie zum Studieren nach Düsseldorf an die Akademie für Mode und Design und absolviert dort einen Bachelor. Für ihre Abschlussarbeit entwickelt Nike das Konzept inklusive Businessplan für ihr eigenes Blog – der Grundstein für „This is Jane Wayne“. Ihr sei es schon immer wichtig gewesen, etwas eigenes für sich zu schaffen, erzählt sie. Nach dem Studium legt die damals 22-Jährige los. Sie und ihre Schulfreundin Sarah, die studierte Wirtschaftsjournalistin ist, ziehen nach Berlin und gründen gemeinsam das Blog. Das erste Jahr, erinnert sich Nike, war hart. Mit einem Hartz IV-Zuschuss für Selbstständige halten sie sich finanziell über Wasser. „Gearbeitet wurde vom frühen Morgen bis Mitternacht oder darüber hinaus – eben bis wir das Tagesziel erreicht hatten“, erzählt sie. Alles andere in ihrem Leben ordnet sie dem unter. Das geht nicht spurlos an ihren wichtigsten Beziehungen vorüber. Ihr Freund bekommt Nike bei diesem Arbeitspensum kaum mehr zu Gesicht. Und auch zwischen den Geschäftspartnerinnen ist es zeitweilig schwierig. Doch sie machen weiter. „Was Nike antreibt ist die Konkurrenz“, sagt Sarah Gottschalk. „Wenn jemand Anderes etwas macht, spornt sie das an. Nike muss es dann unbedingt auch machen – nur noch besser.“

Das Blog beginnt nach den ersten Monaten schnell zu wachsen, die Zahl der Leser steigt. 2011 ernennt das Münchener Edeltaschenlabel MCM die beiden Janes zu Botschaftern im Web. 2013 kommt eine Kooperation mit dem Magazin Vogue zustande. Der Verlag Condé Nast ist von nun an für die Bannervermarktung von Jane Wayne zuständig. Ein Durchbruch für die beiden Gründerinnen, die nun von dem Umsätzen ihres Blogs leben können – wenn auch sparsam. Im gleichen Jahr nimmt Nike van Dinther zusätzlich den Posten der leitenden Redakteurin für die Sparte Style beim Fernsehsender MTV an. Ein gut bezahlter Job, dem viel Prestige anhängt. Aber Nike ist schnell unzufrieden. Die Banalität der ihr übertragenen Aufgaben sei nur schwer erträglich gewesen, erzählt sie. Nach gut einem Jahr gibt sie den Job ab. Dennoch habe sie viel gelernt: „Ich fühlte mich befreit davon, für Geld Scheiße zu machen.“

Die Erfahrung bei MTV gibt Nike weiteren Antrieb für ihr eigenes Unternehmen. Der Weg ist zeitweilig mühsam, aber in ihren Augen der einzig richtige für sie. Dafür verzichte sie seit fünf Jahren auf Urlaub. Der Fleiß und die Ausdauer, vor allem aber der Mut etwas eigenes aufzubauen, machen sich bezahlt. Jane Wayne wächst weiter. 2015 engagieren die Gründerinnen freie Redakteure, weil die Arbeit alleine nicht mehr zu bewältigen ist. Zudem stellen sie eine Bürohilfe ein, die bei der Organisation der mittlerweile nicht mehr zu überschauenden Termine hilft. 2016 hat sich Nike gemeinsam mit ihrer Partnerin ganz bewusst gegen weitere Anstellungen entschieden – auch wenn diese nötig wären. Sie sei glücklich so, wie Jane Wayne heute ist.

99,9 Prozent ihrer Entscheidungen treffe sie aus dem Bauch heraus, sagt Nike. Das gelte für die Auswahl der Themen auf dem Blog wie auch für existenzielle Angelegenheiten. Seit zwei Jahren ist sie Mutter. Als sich das Baby ankündigt, gründen die Janes gerade „JW Consulting“. Die Anfragen für beratende Tätigkeiten, beispielsweise für Diesel oder Nike, steigen stetig und machen mittlerweile die Hälfte ihres Geschäftes aus. „Natürlich ist mir die Flatter gegangen, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin“, erzählt sie. Gezögert habe sie dennoch keinen Moment. „Es muss möglich sein, Job und Kind miteinander zu vereinen.“ Denn das sie es nicht aushalten würde, lange und ausschließlich nur mit dem Kind zu Hause zu bleiben, sei ihr sofort klar gewesen. Das bedeutet in den ersten Monaten nach der Geburt von Lio, dass man Nike vorerst nur im Doppelpack buchen kann. Seit ihr Sohn 10 Monate alt ist, gibt sie ihn in eine Tagesbetreuung. Dennoch ist es für die junge Frau oft eine Balanceakt zwischen Arbeit und Kind. Manchmal muss sie eben von zu Hause aus arbeiten, wenn das Kind nicht in der Betreuung ist.

Dort finden sich zwischen den Schuhen von Nike van Dinther ein Paar Wanderstiefel besetzt mit Glitzerstrass. „Auch so eine Bauchentscheidung, die Schuhe zu kaufen“, erzählt sie. „Keiner wollte die haben, aber bei mir weckten sie romantische Gefühle.“ Ob man damit gut wandern kann, hat sie noch nicht ausprobiert. Die eigenen Wege beschreiten wohl schon. Sie geht auf den Balkon, um eine zu rauchen. Nach dem Regen am Vormittag ist alles durchnässt. Ohne zu zögern setzt sich Nike auf einen der beiden Gartenklappstühle, deren Sitzkissen vor Wasser triefen. „Ist doch egal“ lacht sie und zündet sich eine Zigarette an.

Foto: © This Is Jane Wayne

 

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