diy_glosse_blog

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit – eine Glosse

Mach es selbst! Kein anderer Imperativ hat in den letzten Jahren derartig Konjunktur wie die unter dem Anglizismus bekannte Parole „Do-It-Yourself“ (DIY). Vom gehäkelten Eierwärmer bis zur marmorierten Stoffserviette muss alles ganz individuell gestaltet sein. Mousepads, Türvorleger, Fahrradsitzbezüge werden bepinselt, geklöppelt und genäht – das oft fragürdige Ergebnis ist dabei zweitrangig. Hauptsache es wurde selbst gewerkelt. Sogar Laternenstangen wird heutzutage Individualität mit einem Strickkleid verpasst.

Dass jeder ein Stück vom selbstgebackenen Kuchen abhaben möchte, liegt in der Natur der Sache. Keine Überraschung also, dass nun auch die Reiseindustrie den Trend aufgreift. Auf der diesjährigen Internationalen Tourismus Messe in Berlin konnte der erholungsbedürftige Besucher von Stand zu Stand schlurfen und sein individuell geschnürtes Reisepaket buchen. Im kommenden Aufenthalt am Meer werden dann in Badeshorts Duftkerzen gegossen und Fensterschmuck gebastelt. Das gute alte Batikshirt kann endlich wieder aus der hintersten Ecke des Schrankes hervor gekramt werden – immerhin hat man es anno dazumal mit den eigenen Händen geschnürt, verknotet und in die tiefblaue Lauge getunkt.

Neben dem Selbsterschaffen und Selbstgeschafftem ist bei DIY der Zeitfaktor essentiell. Frei nach John Franklin hat man die Langsamkeit wieder entdeckt und zur obersten Maxime erhoben. Schneller, höher, weiter war gestern. Heute lebt es sich besser gemäß dem Motto: Immer schön langsam. Der Werbeslogan eines allseits bekannten Reiseanbieters „Wer früher bucht, ist schneller weg“ wird dann wohl wieder von den Bussen des öffentlichen Nahverkehrs entfernt werden. In aller Ruhe, versteht sich. Vielleicht schafft es aber die Bahn endlich mal wieder im Trend zu liegen – hier setzt man ja schon lange auf eine Entschleunigung der Reisezeit.