Ingrid

Ein Haus mit Leben füllen – ein Porträt

Seit über einem Jahrzehnt steht ein prächtiger Altbau in Berlin-Friedenau leer und verfällt. Die pensionierte Lehrerin Ingrid Schipper will nicht länger tatenlos zusehen und engagiert sich für ein Wohnprojekt.

Es ist Donnerstagabend. In dem kleinen Konferenzraum des Nachbarschaftsheims Schöneberg sitzen bereits einige Teilnehmer beisammen. Vor allem Frauen, aber auch einige Männer haben an dem langen Tisch Platz genommen. Sie tauschen sich über die neuesten Ereignisse aus. Ihre Stimmen füllen den Raum. Als Ingrid Schipper eintritt, wird es ruhiger. Die hochgewachsene Frau mit den kurz geschnittenen, feuerroten Haaren setzt sich ganz selbstverständlich an die leer gebliebene Stirnseite des Tisches. Sie breitet ihr mitgebrachtes Material vor sich aus und schaut erwartungsvoll in die Runde: „Was gibt’s Neues?“

Ingrid Schipper hat letztes Jahr im März einen Aufruf bei nebenan.de gestartet – eine Plattform, die Nachbarn mit gleichen Anliegen zusammenbringen möchte. Die pensionierte Lehrerin wollte herausfinden, wer sich noch für das leerstehende Eckhaus in der Odenwaldstraße 1 interessiert. Sie selbst kennt das Haus, seit sie 2006 in die unmittelbare Nachbarschaft gezogen ist. Doch erst nach einem Frühstück mit ehemaligen Mitspielerinnen ihres Fussballclubs wird sie aktiv. Eine Fussballerin berichtet, dass die letzten Mieter vor gut zehn Jahren aus dem Haus, das auf einer Fläche von 1.600 m2 16 Wohnungen besitzt, ausgezogen seien. Die Eigentümerin kümmere sich allerdings kaum um ihr Eigentum, weshalb der schöne Altbau von Jahr zu Jahr zusehends verfalle.

Alle sind sofort Feuer und Flamme. „Wir wollten hingehen und das Haus besetzen. Es wäre doch toll, wenn unsere Generation sowas mal machen würde.“ Der erste Enthusiasmus der Gruppe verfliegt aber schnell. Nur Ingrid Schipper muss immer wieder an das verwaiste Haus denken. Sie will handeln. Weil sie weder verstehen, noch akzeptieren kann, dass ein Haus ungenutzt bleibt und verkommt. Wenn sie über das Thema spricht, hört man die Aufregung in ihrer Stimme. Wohnraum solle Menschen zugänglich gemacht werden. Als ersten Schritt gründet Schipper die Leerstandsgruppe – um einen Impuls zu geben, sagt sie. Das erste Treffen findet beim Griechen um die Ecke statt. Aus den anfänglich zwölf Interessenten sind rund 20 Nachbarn geworden, die regelmäßig an den alle drei Wochen stattfindenden Sitzungen teilnehmen. Dabei hat es sich ganz natürlich gefügt, dass Schipper die Leitung der buntgemischten Gruppe übernimmt. Sie habe von Anfang an am meisten Engagement reingesteckt, sagt Irene Reinhold, ein Gruppenmitglied der ersten Stunde.

Denn das Haus lässt Ingrid Schipper keine Ruhe. Sie macht die Eigentümerin ausfindig und legt sich tagelang auf die Lauer, um ihr persönlich zu begegnen. „Einmal ist es zu einem Zusammentreffen gekommen“, erzählt Schipper. „Wir haben uns über Hunde unterhalten.“ Über das Haus will die Besitzerin aber nicht reden. Schipper probiert es nochmal mit Blumen und einer Grußkarte „aus der Friedenauer Nachbarschaft“. Aber die Eigentümerin reagiert nicht. In einem Telefonat informiert sie Schipper, dass ihre Familie Pläne mit dem Haus hätte. „Das glaube ich heute nicht mehr“, sagt die pensionierte Lehrerin. Sie lässt sich nicht abschrecken. Ihr Ziel ist es, das Haus wieder mit Leben zu füllen.

Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, räumt der Initiative wenig Chancen ein, da die rechtliche Lage hier eindeutig sei. Die aktuelle Leerstandsquote betrage in Berlin ohnehin lediglich 1-2%, fluktuationsbedingt seien allerdings 6% nötig. Zudem ist aufgrund des Zustands des Hauses die Situation enorm schwierig. „Das Gesetz sieht hier keine treuhänderische Handhabe vor“, erklärt Wild. Thomas Hofmeier, Bauingenieur, schätzt die Kosten für eine Instandsetzung des Hauses auf zwei bis drei Millionen Euro. Wer solche Summen aufbringen kann, ist völlig unklar – trotzdem will Schipper nicht aufgeben. Dass sie sich dabei immer offen halte, ob sie überhaupt in das Haus einziehen werde, findet Reinhold stark. „Ich glaube, Ingrid hat in erster Linie Interesse an einem intakten Umfeld. Und als Alt- 68erin lebt wohl auch noch die Idee der Kommune in ihr fort.“

In der Hochphase der Studentenbewegung kam Ingrid Schipper 1967 nach
Berlin. Die in Aufruhr befindliche Stadt war genau der richtige Ort für die junge Frau. Oldenburg, wo sie aufwuchs, hatte sie immer als zu geradlinig und kontrolliert empfunden. Als sie ihr Grafik-Studium beendete, war die Studentenrevolte in vollem Gange. Werbeplakate wollte sie dann natürlich nicht machen, sondern pädagogische und politische Grafik um aufzuklären. Die damals 25-Jährige begann bei der linken Zeitung „Berliner Extra-Dienst“ zu arbeiten. Als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte, entschloss sie sich wie er am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU-Berlin Politik zu studieren. In das Lehramtsstudium sei sie irgendwie reingerutscht. „Das war keine bewusste Entscheidung. Bei mir hat sich viel einfach so im Leben ergeben“, erinnert sich Ingrid Schipper.

Einfach so in ihrem Leben hat sich auch die Tatsache ergeben, dass Schipper in einem Haus lebt, das mal ein Wohnprojekt war. Durch einen Wohnungstausch, der sich zufällig ergab, zog sie vor gut zehn Jahren in die Hackerstraße in Berlin-Friedenau. Das Haus war zum damaligen Zeitpunkt ein Wohnprojekt von vier Paaren. Der Zusammenhalt der Nachbarn hat ihr von Anfang an gut gefallen. Alle achten aufeinander. Um das gute Verhältnis zu den Nachbarn zu pflegen, organisiert Schipper regelmäßig einmal im Jahr ein Gartenfest. „Für mich ist es immer wichtig gewesen, ein Miteinander zu gestalten“, erklärt sie. Ingrid Schipper ist mit ihrem offenen Wesen eine Frau, die Menschen verbindet – ganz gleich ob im privaten oder beruflichen Umfeld, wie Freunde und Kollegen berichten. Die Idee des gemeinsamen Wohnens will sie auch in der Odenwaldstraße verwirklichen, als nachhaltiges Projekt ohne Alters- und Einkommensgrenzen.

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und soziales Engagement habe sie wohl von ihrem Vater geerbt, sagt Ingrid Schipper. Gerhard Anton Schipper war Architekt – ein kleiner Architekt, mehr ein Handwerker, wie seine Tochter ihn beschreibt. Er baute immer in kleinem Rahmen mit dem Ziel, ärmeren Familien zu helfen. „Beispielsweise wusste mein Vater immer, wie man an Fördergelder kam“, erinnert sich Schipper. „Er hat Bürgschaften übernommen und eigenes Geld zurückgehalten, damit die Familien sich hinterher noch die Küchen einrichten konnten.“ Ihre Mutter engagierte sich für das Kinderturnen. Den Vorsitz des Sportvereins hatte Gerhard Schipper fast 30 Jahre inne.

Auch diese Familientradition wird Ingrid Schipper wohl fortführen. Seit den ersten Treffen der Leerstandsgruppe gibt es die Idee, einen Verein zu gründen. Den Vorsitz würde Schipper übernehmen. Das passe zu ihr, meint ihr ehemaliger Kollege Peter Börtzler. „Ingrid macht Dinge um der Sache zu dienen, nicht weil sie meint, sie könnte die Funktion am Besten ausfüllen.“ Die Besprechung der Vereinssatzung ist der nächste Tagesordnungspunkt der heutigen Sitzung. Ganz selbstverständlich übernimmt Schipper die Leitung der Gesprächsrunde. Sie spricht ruhig, wenn sie bestimmt das Tempo vorgibt. Schipper ist keine Frau der großen Geste. Bei hitzigen Debatten hält sie sich zurück und greift nur ein, um das Gespräch wieder in die richtige Richtung zu lenken. Diese Haltung sei vergleichbar mit ihrer Position beim Fussball, meint ihre langjährige Freundin Sabine Küppersbusch. „Ingrid war und ist schon immer unsere stabile Abwehr.“ Sie habe ihren Platz und da stehe sie.

Die Mitglieder der Leerstandsgruppe haben Ingrid Schipper auch beim Sommerfest einen festen Platz zugedacht: hinter dem Megaphon. In Lederjacke und Jeans gekleidet, klärt sie die Passanten über die Arbeit der Initiative auf. Zudem sammelt sie Unterschriften für eine Verschärfung des Zweckentfremdungsverbots. Die Verhängung eines Bußgeldes – wie im Fall des Hauses in der Odenwaldstraße 1 geschehen – genüge nicht, um die Eigentümerin zum Handeln zu bewegen. Sie fordert von der Politik, aktiv gegen den Leerstand vorzugehen.

„Aktiv“ ist das Stichwort für Ingrid Schipper. Sie ist eine Frau der Tat. Sie hat noch einen anderen Plan, informiert sie die Mitglieder der Leerstandsgruppe beim heutigen Treffen. Schipper will der Eigentümerin einen Mietvertrag schicken und ihr eine monatliche Miete von 100 Euro überweisen. Daraus könnte ein konkludierender Mietvertrag entstehen, hat ein Anwalt sie aufgeklärt. „Wozu länger warten?“ fragt Schipper in die Runde.